Wie Frau Bornematzin äfft

 

Zwei junge Leute aus Arnsdorf hatten im Frühjahr 1915 einen Spaziergang nach Großröhrsdorf gemacht. Gegen 10 Uhr abends kehrten sie heim. Sie gingen zu Fuß und nahmen ihren Weg an der alten Schäferei vorbei. Als sie in der Massenei sind und an die Steinbachbrücke kommen, ruft der eine aus Übermut in den nachtstillen und vom Mond so herrlich scheinenden Wald hinein: „Bornematz! Bornematz!“ Da, ein helles Auflachen nebenan! Was ist das? Es raschelt im Busch, und mit gewaltigen Sätzen kommt ein riesiger Hase heraus und springt unmittelbar vor den jungen Leuten quer über den Weg. Zu Tode erschrocken bleiben sie stehen und stieren sich an. Sie sind sprachlos. Der Hase ist verschwunden. Sie setzen ihren Weg fort. Stumm gehen beide eine weite Strecke nebeneinander her. Sie scheinen wirklich die Sprache verloren zu haben. Endlich findet einer sie dann doch wieder und sagt: „Du! Das war aber doch sonderbar mit dem Hasen! Sollten wir denn wirklich geäfft worden sein?“ „Unsinn!“ meinte der andere. „So was gibt’s doch nicht. Bist du denn auch so ein Narr, der so etwas glaubt?“ „Aber Freund! Sag doch, wo kommen wir denn hin? Wir gehen doch falsch!“ Und richtig! Da stehen sie wieder vor den Häusern des Niederdorfes von Großröhrsdorf, von wo sie vor einer Stunde weggegangen waren. Um nicht noch einmal irre zu gehen, nehmen sie den Weg über Kleinröhrsdorf. Sie kommen erst spät nach Mitternacht in Arnsdorf an.

 

Am 14. Mai 1916, eines schönen Sonntagsnachmittags, gehen zwei Arnsdorfer Familien über den Tannenberg. Sie wollen quer durch die Massenei über den Strenplatz nach Großharthau, um dann von da mit der Bahn heimzukehren. Sie schlagen den so genannten Flügelweg ein. Kirchenstill ist es im Walde. Die Kinder laufen hier und da seitwärts im Wald, um nach Pilzen zu suchen, aber sie finden keine. Sie gehen auf einer schmalen Waldschneise weiter. Die Unterhaltung ist bald im vollen Gange. Da kommt die Rede auch auf die Frau Bornematz, wie sie sich so häufig als großer Hase sehen lasse. „Wenn wir das nur einmal sehen könnten!“ fällt dessen Schwester ein. Frau Gr. spricht aber gebieterisch: „Lasst doch diesen Unsinn.“ Das war aber schon zu spät, denn das Mädchen ruft im selben Augenblicke mit lauter Stimme: „Bornematzen, komm doch!“ Ein Aufschrei der Frauen und Kinder! Aus dem Dickicht kommt ein großer Hase, setzt mit gewaltigen Sprüngen vor den Füßen der Spaziergänger quer über den Weg und verschwindet auf der anderen Seite wieder. Frau G. herrscht das vorwitzige Mädchen an: „Das hast du von deinem verfluchten Unsinn!“ In großer Aufregung gehen sie weiter. Doch sonderbar! Auf einmal ist der Weg zu Ende. Umkehren wollen sie nicht wieder, und so kriechen sie nun durchs Gebüsch, kreuz und quer, aufs Gratewohl, aber sie finden keinen Ausweg. Stundenlang irren sie im Walde umher. Es beginnt bereits zu dunkeln. Die Kinder fangen zu weinen an, die Frauen schimpfen. Der Mann hat seine liebe Not, die Gesellschaft zu beruhigen. Endlich lichtet sich der Wald. Sie kommen auf einen Fahrweg, dem sie folgen; denn irgendwo muss er doch enden. Mit Ausbruch der Nacht stehen sie vor dem Bahnhof Großharthau. Alle atmen auf. Bald sitzen sie im Einkehrhaus zur Erholung und stärken sich nach dem durchlebten Schrecken. Der nächste Zug bringt sie wohlbehalten nach Arnsdorf zurück, wenn auch viele Stunden später als es ursprünglich geplant war. Und daran war Frau Bornematz schuld.

 

Hase